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Pisanische Geschichten. Heute: Die Gigibar.

Italien und der Caffè, sprich Espresso, haben ein besonderes Verhältnis. Natürlich gibt es, was die Art des Verhältnisses angeht, auch in Italien große Unterschiede. Wer bezüglich der Unterschiede mehr erfahren möchte, dem empfehlen wir Luciano De Crescenzos Buch "Il caffè sospeso". In diesem lernen wir unter anderem, dass "prendiamoci un caffè" (Lass uns einen Espresso trinken) in Neapel einem "buongiorno" entspricht, also mindestens so wichtig und selbstverständlich ist wie ein "Guten Morgen".

Der Caffè ist damit mehr als ein Getränk, um morgends die nötige Lebensfrische möglichst zügig zu erlangen, er fördert die Kommunikation mit den Freunden und steht damit im Dienst der "amicizia", der Freundschaft.

Auch in Pisa gibt es Orte, an denen der Caffè seine originäre Eigenschaft des koffeinhaltigen Getränks transzendiert und zum Anlass politischer Diskussionen wird. Die Gigibar in der Nähe der Stazione (Bahnhof) scheint von außen zunächst unauffällig zu sein. Auch das Interieur hat in den vergangenen dreißig Jahren wenig Veränderungen erfahren, positiv formuliert, könnte man in Zeiten des Retrostyles behaupten, die Gigibar sei hochmodern ausgestattet. Dies alles spielt aber eher eine untergeordnete Rolle. Viel entscheidender sind jedoch die Besucher der Gigibar. Es kennzeichnet sie eine (wir wollen uns dem durch die Finanzkrise beeinflussten Sprachgebrauch anpassen) unglaubliche Portfoliodiversifikation, sprich, wir haben es mit Menschen verschiedenster politischer Überzeugung aus verschiedensten sozialen Schichten zu tun. Und diese "nehmen" nicht nur ihren Caffè, sondern diskutieren munter mit dem Barista über die Frage, wer denn nun Berlusconi gewählt habe und ob die "Sinistra" (die Linke) in einer Krise sei, aus der sie nie wieder erfolgreich zurückkehre. Der Caffè liefert hier also nicht nur Anregungen körperlicher Natur, sondern bietet zudem einen kleinen Anstoß für den Geist. Nach 20 Minuten in der Gigibar geht's erfrischt und mit einigen neuen politischen Theorien zurück in den Alltag.

Bis nächste Woche, Euer Reisedienst-Weimer